Osteoporose Status quo
Dieser Auszug aus den wissenschaftlichen S3-Leitlinien des Dachverbandes Osteologie (DVO) gibt Ihnen einen schnellen Überblick über den aktuellen wissenschaftlichen Kenntnisstand zur Volkskrankheit Osteoporose. Näheres erfahren Sie auf den Seiten des DVO.
Die Osteoporose ist eine systemische Skeletterkrankung, die durch eine niedrige Knochenmasse und eine Verschlechterung der Mikroarchitektur des Knochengewebes charakterisiert ist, mit der Folge vermehrter Knochenbrüchigkeit (NIH Consensus Development Panel on Osteoporosis 2001).
Sind bereits eine oder mehrere Frakturen als Folge der Osteoporose aufgetreten, spricht man von einer manifesten Osteoporose.
Ausgehend von dieser Definition stellt sich die Osteoporose aus Versorgungsgesichtspunkten in drei zeitlich abfolgenden Stadien dar:
1) Prädisposition zur Osteoporose durch Genetik, Lebensweise und Begleiterkrankungen (Bereich Primärprävention)
2) Schwächung des Knochens im Sinne einer Verminderung der Frakturresistenz beschrieben durch Abnahme der Knochenmineraldichte und Knochenqualität (Bereich der Sekundärprävention)
3) Dekompensation mit Auftreten von Fragilitätsfrakturen
(Bereich der Tertiärprävention)
Häufigkeit der Osteoporose und ihrer Folgen
Die Häufigkeit von manifester Osteoporose (Prävalenz) auf der Grundlage der WHO-Definition einer erniedrigten Knochendichtemessung (DXA T-Wert < -2,5) liegt bei postmenopausalen Frauen bei etwa 7% im Alter von 55 Jahren und steigt auf 19% im Alter von 80 Jahren an. Für Männer liegen für den deutschen Sprachraum keine ausreichenden Angaben vor.
Die Häufigkeit der jährlich neu auftretenden (Inzidenz) und morphometrisch nachweisbaren Wirbelkörperbrüche bei 50-79 -jährigen Frauen beträgt etwa 1%, bei den Männern im gleichen Alter 0,6%. Bei den häufig aus der Kombination aus Osteoporose und Sturz resultierenden peripheren Frakturen (an Armen und Beinen) liegt die jährliche Inzidenz in dieser Altersklasse bei 1,9% bei den Frauen und 0,7% bei den Männern.
Die Inzidenz beider Manifestationsformen der Osteoporose nimmt mit dem Lebensalter exponentiell zu.
Klinische Symptome der Osteoporose, die Frakturereignissen vorausgehen, sind nicht bekannt.
Osteoporose-assoziierte Frakturen führen bei Frauen und Männern zu einer deutlichen Einschränkung der Lebensqualität. Diese ist im ersten Jahr nach der Fraktur am stärksten ausgeprägt.
Osteoporose-assoziierte periphere Frakturen und Wirbelkörperfrakturen sind bei Frauen und Männern mit einer erhöhten Mortalität verbunden. Der Mortalitätsanstieg ist im ersten Jahr nach der Fraktur am höchsten (A).
Basismaßnahmen zur Osteoporose- und Frakturprophylaxe sind allgemeine Maßnahmen, durch deren Umsetzung für alle Bereiche von der Primär- bis zur Tertiärprophylaxe eine Verbesserung der Knochenstabilität und/oder eine Verringerung Sturz bedingter peripherer Frakturen erreichbar oder wahrscheinlich ist.
Die Möglichkeiten einer externen Einflussnahme auf den Knochenstoffwechsel umfassen im Wesentlichen
Muskelkraft, Koordination und Stürze
Maßnahmen zur Förderung der Muskelkraft führen bei Frauen und Männern im hohen Lebensalter zu einer Senkung von proximalen Femurfrakturen (Oberschenkelhalsbrüchen) und möglicherweise zu einer Verminderung von Wirbelkörperfrakturen.
Mangelnde körperliche Aktivität, mangelnde Fähigkeit körperlicher Aktivität und/ oder geringe Muskelkraft sind ein Risikofaktor für proximale Femurfrakturen und Wirbelkörperfrakturen. Empfehlenswert ist deshalb eine regelmäßige körperliche Aktivität mit der Zielsetzung, Muskelkraft und Koordination zu fördern.
Eine Immobilisation sollte vermieden werden.
Bei einem hohen Sturzrisiko sollten eine Abklärung der Ursachen und eine Therapie vermeidbarer Sturzursachen erfolgen. Medikamente, die Stürze begünstigen, wie z.B. Sedativa, orthostatisch wirkende Medikamente oder Antidepressiva, sollten regelmäßig in Bezug auf Dosis und Notwendigkeit überprüft werden. Ggf. sollten adaptierte Hilfsmittel und Hüftprotektoren eingesetzt werden.
Ein Vitamin D-Defizit fördert das Auftreten von Stürzen. Der Ausgleich eines ausgeprägten Vitamin D-Mangels (10-20 ng/ml) führt, möglicherweise z.T. über die Verminderung der Sturzrate, zu einer Senkung von proximalen Femurfrakturen.
Für eine ausreichende Bildung von Vitamin D wird eine mindestens 30-minütige Sonnenlichtexposition von Gesicht und Armen täglich empfohlen. Dies ist vor allem im Alter von mehr als 70 Jahren bei vielen Menschen nicht gewährleistet. Bei geringeren Expositionszeiten sollte deshalb in Abhängigkeit vom vermuteten Ausmaß des Defizits eine medikamentöse Supplementierung mit 400-1200 Einheiten Vitamin D3 täglich erfolgen.
Es wird eine Zufuhr von 1200-1500 mg Kalzium täglich mit der Nahrung empfohlen. Auch dies ist vor allem im Alter von mehr als 70 Jahren bei vielen Menschen nicht gegeben. Bei einer Unterschreitung der empfohlenen Kalziumzufuhr im Alter oder im Rahmen von Grunderkrankungen (z.B. gestörte Kalziumaufnahme aus dem Darm bei chronisch entzündlichen Darmerkrankungen) wird deshalb eine Supplementierung empfohlen.
Bei einem Untergewicht ist das relative Risiko für eine proximale Femurfraktur bei Frauen und Männern etwa 2-fach erhöht. Ein erhöhtes Risiko ist auch für andere Frakturen wahrscheinlich.
Untergewicht ist hier als ein Body Mass Index (BMI) von kleiner als 20 definiert. (Er errechnet sich aus dem Körpergewicht (in Kilogramm), dividiert durch das Quadrat der Körpergröße (in Metern.))
Nikotin ist ein unabhängiger Risikofaktor für Frakturen und sollte vermieden werden. Die Bestimmung eines graduellen Risikos in Abhängigkeit von der Zahl der Zigaretten ist derzeit noch zu ungenau. Es lässt sich aber generell feststellen, dass Raucher ein höheres Frakturrisiko haben als Nichtraucher.